Dagmar Deckstein in der Süddeutschen am 6. August
Übers Ohr gehauen
Wer das Herz voll hat, des geht der Mund über. Das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium kann ohne Not auch auf dieses Buch angewendet werden, dessen Autor auch ganz offensichtlich in innerer Mission unterwegs ist. Alexander Dill will aufwecken, “wie die Wirtschaft sich selbst und uns alle belügt” und führt dazu auch eine ganze Reihe alltäglicher Beispiele an. Zumindest im ersten Teil seines tri-spältigen Buches, dessen drei Kapitelüberschriften lauten: “Der tägliche Betrug um die Ecke – asymmetrische Informationen in der Alltagsökonomie” – “Die Harvard Ökonomie – Bilanzfälschung auf globaler Ebene” – und schließlich “Wirtschaft neu erfinden”.
Die ersten 70 Seiten der “Täuschwirtschaft” befassen sich also mit jenen Über-den-Tisch-zieh-Geschichten, wie sie jeder kritische Konsument zumindest im Nachhinein schon am eigenen Geldbeutel erlebt hat. “Cheatonomics” also, Täuschwirtschaft, die ganz vortrefflich in monopolartigen Marktverhältnissen ihre fröhlichen Urständ’ wie seit eh und je feiert. So führt Dill zum Beispiel die unscheinbaren Sätze der Hotlines zu Firmen an, in denen es heißt: “Telefongebühren im Mobilfunk können ggf. vom Festnetztarif abweichen” – und das zum Teil um mehr als 250 Prozent. Oder er nimmt die Halbliterflasche Mineralwasser her, die an Schweizer Tankstellen umgerechnet 40 Cent, an deutschen aber 1,70 Euro kostet. Warum? Weil hier ein Zwangspfand auf Plastikflaschen erhoben wird und zudem die Tank und Rast GmbH Monopolstellung hat, weswegen nur wenige Markenhersteller ihre überteuerten Produkte ins Regal stellen dürfen.
Dann ist auch bei der derzeitigen Rendite von Banken von derzeit 1600 Prozent noch nicht Schluß, weil sie sich von den Zentralbanken zu nahezu null Zinsen Geld leihen können, dass sie dann zu durchschnittlich 15 Prozent Zinsen an Kontenüberzieher weiterleihen. Betrug? So kann man es nennen, aber letztlich ist es Wucher.
Im zweiten Teil rechnet Dill mit den Harvard-Ökonomen ab, wie er es schon in seinem 2009 erschienen Buch “Der grosse Raubzug” getan hat. Da wird der Leser mit teils steilen Thesen konfrontiert, zum Beispiel, dass US-Ökonomen seit Jahrzehnten das Bruttosozialprodukt schönrechnen, damit die USA sich höher verschulden können. Oder dass der Finanzcrash gar keiner war, sondern dessen Ausbleiben das wahrhafte Rätsel sei. Erklärung: Die Krise wurde künstlich erzeugt, damit die Finanzwirtschaft echte Aktien günstigst aufkaufen konnte und der Staat wiederum Banken aufkaufen konnte, um sie zum Vertrieb von Staatsanleihen nötigen zu können.
Schließlich wird im letzten Teil dazu aufgerufen, die Wirtschaft neu zu erfinden. Mal abgesehen davon, dass Wirtschaft keine Erfindung ist, sondern gelebte gesellschaftliche Praxis, kann schon mal nichts neu erfunden werden.
Daher mag das auch Dill treibende Bestreben, aus der letzten großen Krise Lehren zu ziehen und über einen “Gemeinkapitalismus” eine “postmoderne Geschenkökonomie” nachzudenken, der “die kreativen Potentiale des Privateigentums mit den sozialen und natürlichen Gemeingütern verbindet”, gerne als Anstoß fürs nachdenkliche Innehalten so stehen bleiben.
Man muß wissen, dass der Philosoph Dill aus der Softwarebranche kommt und mit “Freeware”, also unbezahlter Software unternehmerisch von Agfa über den Tisch gezogen wurde. Da begann er, sich mit Geschenkökonomie zu beschäftigen. Aus jedem der drei Buchkapitel, die da etwas atemlos und hektisch zu einem unvollkommenmen Ganzen zusammengenagelt wurden, hätte sich je ein eigenes Buch anempfohlen. Dann hätte auch so manche steile These besser fundiert werden können.





Inzwischen ist eine erste Rezension der
Warum lobt jemand ein Buch, das er kaum gelesen haben kann? Und wer ist die Rezensentin, die angeblich in Aix-en-Provence lebt? Finanz- und Krisenbücher sind klassische Männerware. Es sind Männer meines Alters (51), die sich für Enthüllungen und Hintergründe aus Politik und Wirtschaft interessieren. Frau Steinbach-Schlüter hat in kurzer Zeit 9 Finanzbücher verschlungen. Was verbindet die 9 Rezensionen?
“Es gibt immer E I N E N , der “macht” ….. und E I N E N, der “machen läßt“.

