Dagmar Deckstein in der Süddeutschen am 6. August

Übers Ohr gehauen

Wer das Herz voll hat, des geht der Mund über. Das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium kann ohne Not auch auf dieses Buch angewendet werden, dessen Autor auch ganz offensichtlich in innerer Mission unterwegs ist. Alexander Dill will aufwecken, “wie die Wirtschaft sich selbst und uns alle belügt” und führt dazu auch eine ganze Reihe alltäglicher Beispiele an. Zumindest im ersten Teil seines tri-spältigen Buches, dessen drei Kapitelüberschriften lauten: “Der tägliche Betrug um die Ecke – asymmetrische Informationen in der Alltagsökonomie” – “Die Harvard Ökonomie – Bilanzfälschung auf globaler Ebene” – und schließlich “Wirtschaft neu erfinden”.

Dagmar Deckstein stellt mit Peter Felixberger ihr Foto als CC-Lizenz auf Wikipedia frei. Merci!

Die ersten 70 Seiten der “Täuschwirtschaft” befassen sich also mit jenen Über-den-Tisch-zieh-Geschichten, wie sie jeder kritische Konsument zumindest im Nachhinein schon am eigenen Geldbeutel erlebt hat. “Cheatonomics” also, Täuschwirtschaft, die ganz vortrefflich in monopolartigen Marktverhältnissen ihre fröhlichen Urständ’ wie seit eh und je feiert. So führt Dill zum Beispiel die unscheinbaren Sätze der Hotlines zu Firmen an, in denen es heißt: “Telefongebühren im Mobilfunk können ggf. vom Festnetztarif abweichen” – und das zum Teil um mehr als 250 Prozent. Oder er nimmt die Halbliterflasche Mineralwasser her, die an Schweizer Tankstellen umgerechnet 40 Cent, an deutschen aber 1,70 Euro kostet. Warum? Weil hier ein Zwangspfand auf Plastikflaschen erhoben wird und zudem die Tank und Rast GmbH Monopolstellung hat, weswegen nur wenige Markenhersteller ihre überteuerten Produkte ins Regal stellen dürfen.
Dann ist auch bei der derzeitigen Rendite von Banken von derzeit 1600 Prozent noch nicht Schluß, weil sie sich von den Zentralbanken zu nahezu null Zinsen Geld leihen können, dass sie dann zu durchschnittlich 15 Prozent Zinsen an Kontenüberzieher weiterleihen. Betrug? So kann man es nennen, aber letztlich ist es Wucher.

Im zweiten Teil rechnet Dill mit den Harvard-Ökonomen ab, wie er es schon in seinem 2009 erschienen Buch “Der grosse Raubzug” getan hat. Da wird der Leser mit teils steilen Thesen konfrontiert, zum Beispiel, dass US-Ökonomen seit Jahrzehnten das Bruttosozialprodukt schönrechnen, damit die USA sich höher verschulden können. Oder dass der Finanzcrash gar keiner war, sondern dessen Ausbleiben das wahrhafte Rätsel sei. Erklärung: Die Krise wurde künstlich erzeugt, damit die Finanzwirtschaft echte Aktien günstigst aufkaufen konnte und der Staat wiederum Banken aufkaufen konnte, um sie zum Vertrieb von Staatsanleihen nötigen zu können.

Schließlich wird im letzten Teil dazu aufgerufen, die Wirtschaft neu zu erfinden. Mal abgesehen davon, dass Wirtschaft keine Erfindung ist, sondern gelebte gesellschaftliche Praxis, kann schon mal nichts neu erfunden werden.

Daher mag das auch Dill treibende Bestreben, aus der letzten großen Krise Lehren zu ziehen  und über einen “Gemeinkapitalismus” eine “postmoderne Geschenkökonomie” nachzudenken, der “die kreativen Potentiale des Privateigentums mit den sozialen und natürlichen Gemeingütern verbindet”, gerne als Anstoß fürs nachdenkliche Innehalten so stehen bleiben.

Man muß wissen, dass der Philosoph Dill aus der Softwarebranche kommt und mit “Freeware”, also unbezahlter Software unternehmerisch von Agfa über den Tisch gezogen wurde. Da begann er, sich mit Geschenkökonomie zu beschäftigen. Aus jedem der drei Buchkapitel, die da etwas atemlos und hektisch zu einem unvollkommenmen Ganzen zusammengenagelt wurden, hätte sich je ein eigenes Buch anempfohlen. Dann hätte auch so manche steile These besser fundiert werden können.

Buch des Monats auf Risknet

Frank Romeike, der bereits den Grossen Raubzug auf Risknet ausführlich besprochen und mich interviewt hat, hat nun auch die Täuschwirtschaft auf Risknet vorgestellt:

Frank Romeike, Chefredakteur von Risknet

“Nach der “Der große Raubzug” (Rezension sowie Interview mit dem Autor auf RiskNET) folgt nun eine Abrechnung mit der nationalen und internationalen Finanzwirtschaft sowie der Wirtschaft insgesamt. In seiner bekannt offensiven Art lüftet Alexander Dill unter dem Begriff der “Täuschwirtschaft” diverse Fehlentwicklungen durch Interessengruppen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In weiten Teilen unseres täglichen Lebens werden wir – so der Autor – übers Ohr gehauen. So werden beispielsweise rund 69 Prozent des Einkommens durch Lohnsteuer, Sozialabgaben und Umsatzsteuer gepfändet. Dill weiter: “Es widerspricht der angeblich existierenden Marktwirtschaft, wenn ein Großteil des Einkommens zwangsverpfändet wird, anstatt sich in angeblich konkurrierenden Märkten aussuchen zu dürfen, wohin es fließt.”

Das Buch ist in drei Teile gegliedert und enthält einen kleinen Anhang, der sich mit einem bei der Investment-Bank Goldman Sachs vor wenigen Monaten aufgedeckten Betrugsfall (Buddies First: Warum der Fall Goldman Sachs keine Ausnahme, sondern die Regel ist) befasst. Im ersten Teil des Buches erfährt der Leser – basierend auf 13 Beispielen – warum wir systematisch durch gezielte Fehlinformationen getäuscht werden. Wussten Sie beispielsweise, dass Mineralwasser an Tankstellen in Deutschland 425 Prozent teurer ist als in der Schweiz? Oder das der deutsche Staat Stundenlöhne von 2.000 Euro zulässt? Dass mit Dispositionskrediten an Arbeitslose eine Rendite von 1.600 Prozent erreicht wird? Oder das die Bundesregierung das Gesetz über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen abschaffte, um Betrügereien zu erleichtern? Und dass die einschlägigen Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches und des Strafgesetzbuches auf systematischen Betrug nie angewendet werden?

Im zweiten Teil des Buches (“Die Harvard-Ökonomie”) lernen wir, dass führende US-Ökonomen seit Jahrzehnten das US-Bruttosozialprodukt fälschen, um eine höhere Staatsverschuldung zu ermöglichen. In diesem Kontext weist Dill auch darauf hin, dass die jüngste Finanzkrise künstlich erzeugt wurde, damit die Finanzwirtschaft billig an “echte Werte” (Aktien) kommt. Daher spricht der Autor auch von einer Scheinkrise, die wohl nur dazu diente, dass Staaten günstig Banken aufkaufen können und diese in Vertriebsstationen für Staatsanleihen verwandelt können. Außerdem hätten Großanleger, die Cash-Positionen gehalten haben, sich nun günstig mit Aktien eindecken können. Das Geld hierfür lieferten u. a. die Zentralbanken. “Der Staat übernimmt die Bank, gibt die Garantien und die Bank kauft nun mit eigenem Fondskapital zu historisch niedrigen Zentralbankzinsen die Aktien auf. Zugleich verabschiedet der Staat Gesetze, die die Bürger mehr oder weniger dazu zwingen, ihr Geld in Staatsanleihen anzulegen.” Dill begründet seine These mit der Bärenfalle u. a. damit, dass der finale Crash bisher ausgeblieben sein. Diese Behauptung ist gewagt. Und insgesamt vermischen sich im zweiten Teil der “Täuschwirtschaft” gewagte und nur mäßig fundierte Behauptungen mit solide recherchierten und belegten Fakten.

Im dritten Teil zeigt der Autor seine Alternative auf. Wirtschaft sei das Zusammenspiel zwischen natürlichen, sozialen und privaten Gemeingütern. So stellt Dill ein Konzept vor, das er “Gemeingüterkapitalismus” nennt und von dem er hofft, dass sich in ihm “die kreativen Potenziale des Privateigentums mit den sozialen und natürlichen Gemeingütern verbinden”. In diesem Kontext skizziert der Autor einen Index, mit dem sich Gemeingüter ökonomisch bewerten lassen. So führt beispielsweise in der klassischen Welt der Ökonomen ein Rückgang der Geburtenrate zu einer Zunahme des BIP pro Kopf, da sich weniger Bewohner den vorhandenen Reichtum teilen. Da jedoch die Gesamtheit des demografischen Potenzials ein essenzielles Gut für jede Volkswirtschaft ist, wird die Geburtenrate mit Gewichtung in den Gemeingüterindex einbezogen.

Fazit: Wieder einmal traut sich Alexander Dill, gegen den Strom der etablierten Meinungen zu schwimmen und bringt seine Sicht der Dinge klar und prägnant auf den Punkt. Hierbei lässt sich möglicherweise nicht vermeiden, dass der Übergang von fundiert recherchierten Fakten und zweifelhaften Thesen mitunter fließend ist. Möglicherweise reichen 190 Seiten auch nicht aus, die betrügerische Seite des komplexen und dynamischen Systems “Wirtschaft” fundiert und umfassend darzustellen. Trotz alledem kann das neue Buch von Alexander Dill allen empfohlen werden, die mehr über die betrügerische Seite der Wirtschaft erfahren möchten. So kann jeder Bürger derartigen “Betrügereien” – zumindest teilweise – aus dem Weg gehen.”

Ein kleiner Lichtblick

Die Wiener Zeitung hat am 19. Juli eine kleine Rezension gebracht, die sozusagen einen Lichtblick am Horizont darstellt:

Organisierte Betrügerei

Aufzählung (was.-) Der Autor gehört nicht zu den ruhmreichen Ökonomen, sondern kommt aus der Software-Industrie. Vielleicht sind deshalb viele seiner Beweisführungen, dass wir in einer Phantasiewirtschaft leben, so plausibel. Alexander Dill nimmt alles auseinander: Lebensversicherungen, Autoleasingverträge, die “Geschenkökonomie” mit ihren Gratisbeigaben und Schnäppchenangeboten und das Bruttoinlandsprodukt, das dank staatlicher Schuldenmacherei steigt. Das Ergebnis: Wir werden alle betrogen. Wer das sowieso schon immer geahnt hat, erhält Belege dafür. Beunruhigend ist, dass sich Staaten gern zu Kumpanen im systematischen Betrugswesen machen. Beispiel “Allgemeine Geschäftsbedingungen”, denen wir vor dem Herunterladen von Software zustimmen – sie sind meist so abgefasst, dass der Kunde sie unmöglich versteht und auf jeden Fall den Kürzeren zieht, wenn er sich übervorteilt fühlt. Rechtssprechung und ABGB sind in solchen Fällen für Konsumenten keine Hilfe.

Alexander Dill: Täuschwirtschaft. Wie die Wirtschaft sich selbst und uns alle betrügt. Finanzbuchverlag, 190 Seiten, 15,40 Euro.

Quelle:  http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3948&Alias=wzo&cob=508033

Hart, aber fair – Dr. Manthey über die Täuschwirtschaft

Der Reich-Ranicki der Wirtschaftsbücher, Top-10-Rezensent von Amazon, befindet Folgendes:

Der Autor dieses schmalen, aber nicht leicht lesbaren Buches beklagt in seinem Werk, dass uns die Wirtschaft täuscht und betrügt. Schon mit dem Titel habe ich ein Problem. In dieser Allgemeinheit Täuschung zu unterstellen, ist sicher nicht gerechtfertigt. Das geben selbst die vielen Beispiele nicht her, die wir im ersten Kapitel lesen. Zur Wirtschaft gehören auch einfache Handwerksbetriebe, kleine Familienunternehmen und die überwiegend sauber arbeitenden mittelständigen Betriebe in diesem Land, die den größten Teil der Wirtschaftsleistung erbringen.

Jeder hat in seinem Leben schon mehr als einmal mit Betrug und Täuschung zu tun gehabt. Solche Dinge gab es schon vor tausenden von Jahren, und sie werden auch in Zukunft nicht aussterben. Was also ist neu an dem vom Autor beklagten Zustand? Wenn es nämlich eine Konstante in der Geschichte gibt, dann ist es mit Sicherheit das menschliche Verhalten. Immer wieder haben große Geister eine ideale Welt angemahnt. Doch genützt hat dies noch nie. Die Forderung des Autors, Wirtschaft neu zu erfinden, wird deshalb genauso ungehört verhallen, wie die vielen scheinbar klugen Ratschläge anderer Autoren aus längst vergangenen Zeiten.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert und enthält einen kleinen Anhang, der sich mit einem bei Goldman Sachs kürzlich aufgedeckten gravierendem Betrugsfall befasst. In den ersten 70 Seiten erklärt uns Alexander Dill an 13 Beispielen seine These. Die einzelnen Geschichten sind lehrreich in vielerlei Beziehungen. Sie zeigen, dass man durchaus an manchen Stellen von Täuschungen und Betrug ausgehen kann, wenngleich dies natürlich im rein juristischen Sinne eine Definitionsfrage ist. Wenn also beispielsweise ein Überziehungskredit mit 15-20% Zinsen belastet wird, die Bank ihr Geld jedoch für 1-4% Zinsen erhält, dann kann man auch von Wucher sprechen, wird aber keinen juristischen Erfolg haben, wenn man dagegen vorgehen wollte.

Andere Beispiele betreffen das leidige Versicherungswesen, die Autoleasing-Branche, Telefongesellschaften oder die Preisgestaltung und das Kleingedruckte bei der Deutschen Bahn oder das Verwirrspiel um Verpackungsgrößen. Dieser Teil des Buches liest sich gut, ist interessant und aufschlussreich. Die Beispiele stammen jedoch fast ausschließlich von Monopolisten, zu denen in meinen Augen auch der Staat zählt. Wenn man sich die Preisgestaltung bei der Bahn oder auch Billigfliegern ansieht, dann fällt tatsächlich ein Grundprinzip auf: Man möchte durch eine extrem komplizierte und nicht einmal vom eigenen Personal durchschaubare Preisgestaltung den Kunden verwirren und überdeckt dies durch Lockvogelangebote, die nur für eine Minderheit realisierbar sind. Dieses Grundprinzip hält nun auch bei anderen Produkten Einzug und wird durch das Aufgeben einheitlicher Packungsgrößen durch die EU noch gefördert.

Im zweiten Teil befasst sich der Autor mit der so genannten Harvard-Ökonomie. Er geht hier seiner These auf einer höheren Ebene nach und zeigt, wie Regierungen und Ökonomen verschiedene Bilanzen von Staaten und Unternehmen durch merkwürdige Tricks manipulieren. Leider haben auch wir unsere deutschen Standards zugunsten dieser amerikanischen Methoden aufgegeben und leben nun ebenso in einem Land der ökonomischen Schönheitsoperationen. Dem Normalbürger fällt dies gewiss nicht auf. Er merkt das höchstens einmal an der zusammengeschummelten offiziellen Inflationsrate, die seinem persönlichen Erleben nicht immer entsprechen will.

Leider lassen Lesbarkeit und Konsistenz des Textes im zweiten Teil etwas nach. So suggeriert uns der Autor hier zum Beispiel, dass die gegenwärtige Finanzkrise künstlich erzeugt wurde, damit bestimmte Kreise billig an Aktien kommen. Das ist eine recht abenteuerliche Behauptung. Er begründet sie hauptsächlich damit, dass der finale Crash bisher ausgeblieben ist. In der Tat ist die Krise hierzulande gefühlt nicht besonders groß, weil sie künstlich mit Mitteln entschleunigt wurde, die ihre wahren Ausmaße nur in die Zukunft verschoben haben.

Am Ende dieses Teils diskutiert Dill die Frage, warum Wirtschaft kein Schulfach ist. Er vergleicht dazu die Wirtschaft zunächst mit dem Straßenverkehr, der weltweit nach den gleichen Regeln funktioniert, um dann festzustellen, dass es für die Wirtschaft gar keine Regeln gibt, und sie deshalb nicht in der Schule gelehrt werden kann. Das ist wie so vieles in diesem Buch in gewisser Weise richtig und falsch zugleich. Eine Volkswirtschaft ist ein hochkomplexes dynamisches System, das einen hohen Grad an Selbstorganisation besitzt und von Rückkopplungen lebt. Der Straßenverkehr ist ein simples und starres System, das auf primitiven Regeln beruht und von der Sache her jede Art von Selbstorganisation verbietet. Beide Systeme in eine Art wertende Beziehung zu stellen, ist gelinde gesagt absurd. Natürlich kann man Grundprinzipien der Wirtschaft in der Schule lehren, und das wird wohl auch getan.

Im letzten Teil bemüht sich der Autor um eine Neuerfindung der Wirtschaft. Das ist zwar nicht uninteressant, wird aber nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Denn Wirtschaft hat niemand erfunden, deshalb kann sie auch nicht neu erfunden werden. Dennoch entwickelt Dill ein Konzept, das er “Gemeingüterkapitalismus” nennt und von dem er hofft, dass sich in ihm “die kreativen Potenziale des Privateigentums mit den sozialen und natürlichen Gemeingütern verbinden”. Interessanterweise definiert der Autor das Geburtsdatum der “Betrugs- und Ellenbogengesellschaft” in Deutschland durch den Eintritt der rot-grünen Regierung von Schröder und Fischer 1998.

Fazit.
Mich hat dieses Buch erwartungsgemäß etwas verwirrt. Es ist auch sehr schwer zu rezensieren, weil es eine Unmenge an wahren und zweifelhaften Behauptungen enthält, die darüber hinaus auch noch in Relation zueinander gesetzt werden. Der Text ist außerdem in sich nicht widerspruchfrei. Leider kann man darauf aber nicht detailliert eingehen, weil man dann das Buch gewissermaßen noch einmal schreiben müsste. Bei aller Kritik enthält der Text aber viele interessante und lehrreiche Informationen. Wenn es dem Autor gelungen wäre, den roten Faden immer straff in der Hand zu behalten und den Leser konsistenter durch seine Gedanken zu führen als ihn mit unbewiesenen und kaum erklärten Behauptungen zu verwirren, dann wäre ein viel besseres Buch entstanden. Drei und einen halben Stern.

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Angewandte Volatilität am Beispiel von Wirtschaftsbüchern

Die Amazon-Charts für Wirtschaftsbücher werden nach Amazon-Angaben stündlich aktualisiert. Damit sind wir Schwankungen unterworfen, deren Umfang den von Aktien, Rohstoffen und Währungen um ein Vielfaches übertreffen. Heute liege (lag!) ich bei den Neuveröffentlichungen in der Kategorie “Wirtschaft” auf Platz 30.
In einer anderen Chart, in der allerdings überwiegend unveröffentlichte Bücher geführt werden, liege ich auf Platz 2.
Faktum ist, dass meine Recherchen und Thesen noch weit davon entfernt sind, in irgendeiner Form debattiert zu werden. Der Titel “Täuschwirtschaft” erklärt sich offenbar selbst – auch ohne das Buch oder seinen Inhalt.

100.000 Euro investierte Campus in Nouriel Roubini (Mitte)

In letzter Zeit haben mehrere Verlage realtiv viel in den Nischenmarkt Wirtschaftsbücher investiert. 25.000 Euro Vorschuss soll Campus für die Rechte an Nouriel Roubini investiert haben. Dazu Übersetzung (5.000 Euro) und eine Anzeigenkampagne u.a. in der SZ (ca. 70.000 Euro insgesamt). Für Wirtschaftsbücher, die selten über 10.000 verkaufte Exemplare kommen, ist das viel Geld.
Der von mir geschätzte Verleger Gerhard Riemann, dem ich zuletzt 15.000 Euro Vorschuss wert war (2006), hat mit Freakonomics Erfolg gehabt und nun mit “Superfreakonomics” eine Wiederauflage versucht. Riemann kauft fast nur US-Rechte. Bei den Superfreakonomics dürfte er falsch gelegen haben.

Wirtschaftsbücher werden solange nicht wirklich erfolgreich sein, wie sie unpolitisch sind. Da die Autoren von Wirtschaftsbüchern in der Regel als Berater und Professoren das Lied ihrer Brötchengeber singen, sind ihre Bücher aber per se unpolitisch. Einen Michael Moore der Wirtschaftsautoren gibt es bisher nicht.
Ich bin überzeugt: Wenn ein Verlag in einen deutschen Autor mehr investieren würde, könnten auch deutsche Autoren mit Stiglitz, Krugman, Moore und Roubini konkurrieren.
Warum? Der Einsatz ist einfach viel größer, wenn ein Investment eingespielt werden muß! Die Rechnung “Billiger Autor=geringes Risiko” geht zwar auf, verhindert aber in der Regel auch den Erfolg.

Am Flugzeugabsturz ist die Schwerkraft schuld – und andere Weisheiten der Wirtschaftswissenschaften

Eines ist sicher: Das Flugzeug stürzte wegen der Schwerkraft ab

….diese Analogie fand ich in einer Rezension eines konkurrierenden Buches in der Volkswirtschaft-Bestsellerliste bei Amazon (auf der ich zuletzt kurz auf Platz 28 stand)  Es ist eine intelligente, diskussionswürdige Rezension, die ein Joerg Bachmayer verfaßt hat. Sie betrifft alle Bücher, die nach der Finanzkrise:

- diese als Ergebnis fehlerhafter Systeme interpretieren (“Es mußte ja so kommen!”)

- diese als Ergebnis des Nicht-Befolgens von vernünftigen Regeln interpretieren (“Nicht das System, der Mensch ist fehlerhaft!”

Ich behaupte ja, dass Wirtschaft kein System ist, also auch keine vorhersehrbaren und damit befolgbaren Regeln kennt. Damit ärgere ich seit Jahren alle Wirtschaftswissenschaftler, denn im Grunde stelle ich damit in Frage, dass die Wirtschaftswissenschaft irgendeine Kompetenz für eine angebliche “Wirklichkeit” der Wirtschaft besitzt. In der Wirtschaftswissenschaft stürzen immer alle Flugzeuge wegen der Schwerkraft ab. Das heißt: Die Gesetze des Marktes sind unabhängig von den Akteuren. Die Märkte “reinigen” und “korrigieren” sich selbst. Was auch immer geschieht: Es ist aus “Marktperspektive” zumindest postum erklärbar. Das erinnert an viele Religionen und an die Astrologie.
Wenn ich verlassen werde, sagen die Astrologinnen: “Ja, Sie sind ja ein Fisch.” Fische sind labil, zweifeln an sich, verbreiten damit Unsicherheit – und werden dann verlassen.
Geschieht ihnen doch recht, oder?

Gleich die erste Rezension eine Täuschung!

Inzwischen ist eine erste Rezension der Täuschwirtschaft bei Amazon erschienen. Auf den ersten Blick sollte sich der Autor freuen. Fünf Sterne und folgende Bilanz:
“Dies ist ein intelligent geschriebenes Finanzbuch. Ein hervorragender Blick ohne Scheuklappen. Ein Autor, der sich traut, gegen den Strom gängiger Meinungen zu schwimmen und neue Einsichten ungeschönt und klar auf den Punkt zu bringen. Für Menschen mit Mut und Freude am deutlichen Wort: eine Bereicherung!”
Wie heißt es? Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Doch der Gaul lahmt und krankt. Besonders fällt der Satz auf, der Autor würde fordern, Wirtschaft solle ein Schulfach werden und fordere dazu auf, “ein Regelwerk wirksamer Ethik” zu schaffen. Beides steht an keiner Stelle im Buch. Im Gegenteil: Mit Berufung auf Michael Schmidt-Salomon (“Jenseits von Gut und Böse”) vermutet der Autor, es gäbe keinen freien Willen, also auch keine Grundlage für moralisches Verhalten. Das ist harter Tobak. Die Rezensentin mit dem Namen Franziska Steinbach-Schlüter hat also die Kapitel “Warum Wirtschaft kein Schulfach ist” (nämlich weil sie keinem Regelwerk folgt!) ebensowenig gelesen wie das Kapital “Fazit: Klüger rechnen ist keine Moralfrage”.
Warum lobt jemand ein Buch, das er kaum gelesen haben kann? Und wer ist die Rezensentin, die angeblich in Aix-en-Provence lebt? Finanz- und Krisenbücher sind klassische Männerware. Es sind Männer meines Alters (51), die sich für Enthüllungen und Hintergründe aus Politik und Wirtschaft interessieren. Frau Steinbach-Schlüter hat in kurzer Zeit 9 Finanzbücher verschlungen. Was verbindet die 9 Rezensionen?
- Sie haben alle die Höchstzahl 5 Sterne vergeben.
- 6 der 9 Bücher stammen aus der gleichen Verlagsgruppe.

- Keine der Rezensionen enthält Zitate oder nimmt Diskussionsstränge der Bücher auf. Sie lesen sich wie Inhaltsangaben aus der Mittelschule und enden mit dem Autorenlob.

Diese Gemeinsamkeiten machen neugierig. Sie erwecken den detektivischen Ehrgeiz des gelernten Täuschwirts.

Wer ist die kluge Dame, die seit Januar 2010 reihenweise Wirtschaftsliteratur verschlingt? Eine Foristin oder Bloggerin? Eine Mitarbeiterin einer Unternehmensberatung oder Redaktion? Eine VWL-Studentin? Die Wahrheit kennt Google.
Wir nehmen erstaunt zur Kenntnis, dass Frau Steinbach-Schlüter außerhalb ihrer Rezensionen noch nie das Internet benützt, noch nie gepostet oder gar veröffentlich hat, nirgendwo je Mitarbeiterin oder sonstwie unter diesem Namen aktiv war.
Das wäre vielleicht bei einer Rezensentin von exotischer Literatur möglich, nicht aber bei einer Fachfrau für Wirtschaftsliteratur, nicht einmal bei einem Pseudonym, das doch ganz besonders nach Veröffentlichung drängt.
Frau Steinbach-Schlüter ist also eine Fiktion. Eine Täuschung.
Sie hätte nur keinen Autor rezensieren dürfen, der sich professionell mit der Aufdeckung von Täuschwirtschaft beschäftigt.

Täuschwirtschaft als Tagestipp der Fidor Bank AG

Ein neuer Typ von Bank: Die Fidor Bank vermittelt Kreditgeber und Kreditnehmer

Der griffige Titel “Täuschwirtschaft” hat den Vorteil, dass er unmittelbar verständlich erscheint. Ist nicht Täuschwirtschaft überall? Dies ist aber auch sein Nachteil. Die Bank, die Kreditgeber und Kreditnehmer direkt vermittelt, hat in ihrer Community 1202 Berater, die anderen Mitgliedern Tipps geben. Am 20. Mai gab “YZ” diesen Tipp.

Aufgrund des Zeitpunktes, nämlich dem Erscheinungstages des Buches, kann der Tippgeber das Buch noch nicht gelesen haben. Hätte er es gelesen, würde er vielleicht einen Satz darüber verlieren. Oder auch zwei.
Soll sich der Autor nun freuen, wenn sein Buch blind empfohlen wird, also nicht aufgrund der Lektüre, sondern aufgrund des Titels und der Ankündigung bei Amazon? Ein guter Teil der Tipps, die gutgemeint verbreitet werden, beruht selbst nur auf Hörensagen. Der Tipp, so denkt sich der Ratgeber, wird schon richtig sein.
Bei einem Buchtipp geht das vielleicht noch ohne grösseren Schaden ab. Aber was, wenn zu einem Restaurantbesuch, einer Reise oder gar einem Finanzprodukt auf diese Weise geraten wird?

Erste Volkesstimmen: ewiges deutsches Problem?

Nachdem sich erste Massenmedien des Themas “Täuschwirtschaft” engagiert angenommen haben (bild.de, msn), bleibt auch Volkes Stimme nicht aus. Hier eine erste

“Es gibt immer  E I N E N ,   der “macht” ….. und   E I N E N,   der “machen läßt“.
Genau das   – nämlich Letzteres -  ist unser  ewiges deutsches Problem.

Französische und, wie man letzthin hörte,  auch griechische Bürger reagieren da gaaaaaanz anders, wenn es ihnen  – von welcher Seite auch immer -  an den Kragen geht.  Und daran sieht man:   “hurra!    D i e leben noch!!!”

Hier, in unserem Lande, ist derjenige, der sich wehrt oder für etwas einsetzt, direkt der Querulant.   Be- und verurteilt in erster Linie  von genau jenen, die  genau so über den Löffel barbiert wurden.
Man denke vergleichsweise an das Märchen “Des Kaisers neue Kleider”.   Jenem  Kind in diesem Märchen , das damals laut als einziger sagte  “….. aber er hat ja gar nichts an!”  würde  im realen heutigen Leben keinesfalls die Menge beipflichten  -  nein, man würde dem lediglich die Wahrheit sagenden  Kind den Mund verbieten.
“Pscht – pscht  …. sei still; was sollen die anderen denken?”

Und da wundern wir  und  und beklagen uns  drüber , daß man mit uns das Hänneschen macht ?????
Der Lachschlager sind wir Deutschen selbst!”

Quelle:  http://money.de.msn.com/service/bilder.aspx?cp-documentid=153361597

msn money bringt 10 Beispiele aus der Täuschwirtschaft

Banner auf msn money: Aus der Nummer kommt auch der Staat nicht raus! (Bild von Imago)

Andreas Klein von msn hat sich die Mühe gemacht, 10 Beispiele aus der “Täuschwirtschaft” mit Bildern zu illustrieren und zudem die Beispiele nachzurechnen. 14 Cent Festnetzpreis, 50 Cent Mobilpreis. Da geraten auch gestanden Controller in Zweifel. Zwar ergibt 50:14=3,57, ist also 50 3,57mal so viel wie 14, aber die Steigerung von 14 (=100) auf 50 Cent ist dennoch nur eine Steigerung von 257, 14 Prozent.   Allerdings sind beide Ergebnisse gleichermassen unerfreulich. Inzwischen hat sich ein Unternehmen erbarmt, und den Mobilfunkpreis genannt: Auf www.schufa.de kann man nun beruhigt sein, dass man “nur” 42 Cent, also nur 200% mehr bezahlen muss.
Danke Schufa!
Andreas Klein hat auch noch angemerkt, dass der alleinstehende Arbeitnehmer, dem laut meiner Berechnung nur 31% seines Gehaltes verbleiben, nur dann die 19% Umsatzsteuer abführen muss, wenn er sein Einkommen auch verkonsumiert. Das ist prinzipiell richtig. Theoretisch könnte er sein Geld auch zur Bank bringen (Vermutung: Sie wird es sich beher selbst holen, oder?)
Leider ist selbst in der Miete gehörig Mehrwertsteuer enthalten, die zwar der Vermieter sich teilweise zurückholen kann, aber nicht der Mieter. Auch die Umsatzsteuer bei Strom, Telefon und Gas, bei Bus und Bahn bekommt der Arbeitnehmer nicht erstattet.
Lustiges Finish der msn Reportage über Täuschwirtschaft: Just neben dem Banner zur Täuschwirtschaft erschien die beliebte Täuschmasche “Sie wurden als Gewinner ausgewählt!”. Natürlich habe ich sofort einen Screenshot gemacht, der Täuschwirtschaft und Täuschung in friedlicher Koexistenz auf msn zeigt.